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Margit H. aus Köln

Es geht doch 

Auf dem Betzdorfer Bahnhof ist es kühl und ungemütlich, der Himmel grau verhangen, ein typischer Herbsttag eben. Immerhin, der Zug nach Köln ist pünktlich. Nichts wie weg hier! Einen Fensterplatz zu bekommen, ist am frühen Nachmittag kein Problem. Ich bin froh, in ungefähr einer Stunde wieder in Köln zu sein. Ich schaue aus dem Fenster, obwohl ich die Strecke längst kenne. Besonders spektakulär ist sie nicht. Bei dem trüben Wetter schon gar nicht. 

Hinter Au reißt plötzlich die dichte graue Wolkendecke auf. Sonne und tiefblauer Himmel, wie es ihn nur im Herbst gibt. Hat was mit dem Winkel der Lichteinstrahlung zu tun, glaube ich mich vage zu erinnern, ist jetzt aber auch egal. Hinter Schladern dann plötzlich eine Stimme aus den Lautsprechern: „Liebe Fahrgäste!“ Oje, wenn sich das Personal an die Fahrgäste wendet, bedeutet das erfahrungsgemäß nichts Gutes. „Liebe Fahrgäste“ heißt, dass ein Baum auf die Schienen gefallen ist, eine Störung im Stellwerk vorliegt oder schlimmstenfalls ein „Personenschaden“, also ein Selbstmord, auf der Strecke vor uns passiert ist. Irgend etwas wird unsere Reise verzögern, das ist so gut wie sicher, ich bin auf alles gefasst. Die Mitreisenden offenbar auch, in solchen Regionalzügen sitzen Profis, die meisten blicken schicksalsergeben oder verärgert.

„Ich weiß, ich kann Sie nicht zwingen“, fährt die Lautstimme zur allgemeinen Überraschung fort, „aber schauen Sie doch mal nach draußen!“ Na, das ist ja mal was völlig Neues! „Sehen Sie mal aus dem Fenster und genießen Sie die wunderschöne Siegstrecke!“ Recht hat der Mann, im Sonnenschein leuchtet das bunte Laub an den vorüberziehenden Bäumen, es würde einem Indian Summer alle Ehre machen. „Demnächst“, lässt sich die Stimme vernehmen, „beginnt ja wieder die dunkle Jahreszeit und dann ist es doch schön, sich an solche wunderbaren Augenblicke erinnern zu können.“ Alles klar, ein heimlicher Philosoph sitzt im Führerstand dieses Zuges. Wer hätte das gedacht?

„Schön, dass Sie mit uns fahren! Schön, dass es Sie gibt!“ beschließt der Philosoph in herzlichem Tonfall seine kleine Ansprache. „Och, wie nett!“ sagt die Frau neben mir und strahlt dabei übers ganze Gesicht. „Das ist ja süß!“ höre ich jemand schräg hinter mir. „Das muss ich gleich bei Facebook posten“, sagt der Junge auf der anderen Seite des Gangs zu seiner Freundin. Überall Lächeln, überall gute Laune. Ganz ungewöhnlich für eine Bahnfahrt.

Aber wie man sieht, es geht doch ganz leicht, denke ich. Und immerhin ein Bahnmitarbeiter kennt das Geheimnis, wie man Fahrgäste ganz einfach glücklich macht. Ein Philosoph mit Blick für die kleinen Freuden am Wegesrand.

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