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Kirsten E. aus Köln

Lambada auf einem rumänischen Akkordeon. Die Münzen im Plastikbecher klimpern im Takt und das festgenagelte Lächeln im sonnengegerbten Gesicht des jungen Musikanten schiebt sich durch den Mittelgang des Rheinexpress'.

Die ältere Dame neben mir – blaugelockt und goldberingt – scheint ihre Handtasche nun noch ein bisschen fester zu umklammern. Nervös tippelt sie mit ihren cremefarbenen Riemchensandalen auf dem Linoleumboden. Der junge Mann uns gegenüber liest unberührt weiter. Er steckt mit dem Kopf im Kölner Express. „Ey, hör ma! Hier steht ‚Köln freut sich auf die Gay Games‘.“ Tiefes, sonores Lachen. „Pah!“ Ihm kriecht ein schwarzer Schriftzug die angespannte Halsschlagader hinauf. Cologne Ultras steht da. Der Lambada kommt langsam näher. Plötzlich schnellen die Riemchensandalen der älteren Dame in Richtung der Hooliganwade. „Jetzt mach doch was, Kevin!“ Kevin steht missmutig auf und rückt sein auf Anschlag gespanntes Hemd gerade. Der Lambada ist nur noch wenige Schritte entfernt. Das Kleingeld klimpert im Plastikbecher.

„Ey, spielst du die Mazurka, lässt meine Oma 'nen Fünfer springen.“ Der Lambada verstummt. Mit flinken Fingern zieht der Musikant ein Büchlein aus der Gesäßtasche. Es handelt sich um eine zerlesene Ausgabe des Handbuchs des Deutschen Volkstanzes. Noch während des Blätterns murmelt er wissend vor sich hin „Das ist doch dieser einschrittige Warschauer…“ Erfreut springt Kevins Oma auf den Gang. Der Fünf-Euro-Schein verschwindet im Plastikbecher und das Handbuch unbenutzt in der Gesäßtasche.

Es folgt die gewöhnliche Rundtanzfassung. Der erste Mazurkaschritt nach links, bei dem auf den dritten Schritt leicht gehüpft wird. Kevins Oma klatscht in die Hände und der Musikant folgt mit einer tiefen Viertelnote. Kevin schließt sich an mit einer halben Drehung. Gerade als die höheren Viertelnoten einsetzen, löst sich ein Knopf von Kevins Hemd und durchschlägt den Plastikbecher des Musikanten. Hunderte von Knöpfen rollen auf den Linoleumboden im Mittelgang, unter die Sitze und unter cremefarbene Riemchensandalen.

„Deswegen spiele ich lieber Lambada“, brummt der Musikant und wechselt am Bonner Hauptbahnhof mit einem gekonnten Hüftschwung in den Eifelexpress.

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