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Faiza E. aus Aachen

Er wandte seinen Blick vom Fenster ab und fühlte sich so, als ob sein Herz einen Schlag aussetzte. Ihm gegenüber saß eine Frau mit grauen Haaren, die früher einmal von einem kräftigen Braun gewesen waren, das sich an einigen Stellen auch noch zeigte und ihr Alter hatte ihrem Gesicht ihre Schönheit nicht genommen.

Er wollte etwas sagen, doch er blieb stumm und wandte seinen Kopf wieder zur Seite, wo er sein Gesicht in der Fensterscheibe gespiegelt sah. Der Krieg, für den er sie vor fast 40 Jahren hatte zurücklassen müssen, hatte ihn verändert. Eine Hälfte seines Gesichts war vernarbt, sein noch heiles Auge spiegelte die Dunkelheit, das Blut und den Schmerz von dem, was er gesehen hatte wieder und seine ehemals blonden Haare waren ergraut. Sie würde ihn nicht wieder erkennen.

Wenn sie hochsehen würde, würde sie sein Äußeres sehen, sie würde sehen, was der Krieg hinterlassen hatte und nicht wer er wirklich war. Er fragte sich, wie es ihr ergangen war. Dem Ring an ihrem Finger nach zu urteilen hatte sie geheiratet. Auch, wenn das zu erwarten gewesen war, versetzt es ihm einen leichten Stich. Offensichtlich hatte sie auch Kinder, da auf ihrem Lesezeichen „Beste Mama“ stand. Er seufzte. Er war doch selber schuld. Nach seiner Rückkehr aus dem Krieg hatte er sich nie wieder bei ihr gemeldet. Er hatte es ihr nicht antun wollen ihn so zu sehen. Er dachte, es sei besser, wenn sie davon ausging, dass er im Krieg gefallen war. Damals hatte er gedacht, es würde so für sie am einfachsten sein, wenn er einfach nicht zurückkam, mit allem abzuschließen.

Doch er hatte es nicht geschafft jemals von ihr loszukommen. Jeden Tag in den letzten 40 Jahren hatte er an sie gedacht. Manchmal bereute er seine Entscheidung, doch er überzeugte sich immer wieder davon, dass es richtig gewesen war, denn seit dem Krieg war er nicht mehr der Mann, der er einmal gewesen war.

Als er seinen Blick wieder zu ihrem Gesicht hob, erschrak er, denn sie sah ihn an. Für einen Moment sahen sie sich in die Augen, doch dann lächelte sie nur leicht und blickte wieder auf ihr Buch.

Er schluckte. Auch wenn er es erwartet hatte, schmerzte die Realität. Für die Frau war er heute nur noch ein Fremder und sie wusste nichts von der Vergangenheit, die sie teilten. Sie wusste nicht, dass dieser verletzte Mann derjenige war, der sie vor langer Zeit zum Lachen gebracht hatte, als sie nicht einmal mehr hatte lächeln wollen, dass er es war, der um Mitternacht vor ihrer Tür gestanden hatte, um ihr zu sagen, dass er sie liebt, dass es er war, der im strömenden Regen an einem Sonntagabend fünf Tankstellen abgelaufen war, um ihr ein Snickers zu kaufen.

Für sie waren die beiden nicht mehr als zwei Fremde in einem Bus.

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