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Dana L. aus Bottrop-Kirchhellen

Montagmorgen, 7.10 Uhr. Ich stehe fröstelnd an der Bushaltestelle und warte auf den SB36 nach Gladbeck. Als der Bus kommt, steige ich mit ein paar anderen Schülern ein und lasse mich erleichtert in einen Vierer sinken.

Ich warte ungeduldig auf die Haltestelle, wo sonst meine Freundin zusteigt, ich habe viel zu erzählen, doch der Bus hält und nur eine ältere Frau steigt ein und setzt sich neben mich. Enttäuscht sehe ich das Bushaltestellenschild hinter mir verschwinden, als mein Handy vibriert. Ich werfe einen Blick darauf, es ist eine SMS von ihr: „Bus knapp verpasst, entschuldigst du mich?“ Ich will gerade „ja“ zurückschreiben, als sich mein Handykalender meldet, um mich an einen Termin zu erinnern. Verwundert öffne ich ihn; Ich kann mich an nichts erinnern, was für heute anlag. Als die kurze Notiz "Gedichtanalyse für mo erblicke", fällt es mir siedendheiß ein: Für heute ist die Analyse fällig und ich habe noch nichts geschrieben. „Verdammt“, fluche ich leise, krame hektisch mein Heft raus und fische einen Kuli aus meiner Tasche.

Ich tippe mit der Spitze des Kulis mehrmals auf das Blatt ohne irgendeine Idee zu haben, was ich jetzt schreiben soll. Ich kritzele einen Einleitungssatz und bringe halbherzig ein paar weitere Worte aufs Papier. „Verfluchter Tucholsky!“ Der Schüler, der mittlerweile gegenüber von mir Platz genommen hat, guckt mich mitleidig an. Die Dame neben mit wirft einen Blick auf meinen fast leeren Zettel: „Augen in der Großstadt?“ fragt sie knapp. „Ja.“ stöhne ich.  „Für heute?“ Ich nicke verzweifelt. „Benotet?“ Ich nicke nochmals. Die Dame wirft einen Blick auf mein Blatt: „Die Epoche ist der Expressionismus, nicht die Romantik. Das Reimschema wechselt zwischen Paar- und Kreuzreim.“

„Sind sie Deutschlehrerin?“ platzt es aus mir heraus. Sie lächelt. „Pensioniert.“ Sie beugt sich wieder über mein Blatt: „Warte, das Metrum ist ein…“ „Jambus, nur in der ersten Strophe wechselt es mit Daktylus“, mischt sich der Schüler von gegenüber ein. Er grinst verlegen. „Das Gedicht hatte ich letzte Woche in meiner Deutschklausur.“ „Danke“, stoße ich erleichtert aus und kritzele eifrig auf meinem Blatt herum. Der Schüler überlegt und sagt dann: „Also, die sprachlichen Mittel waren…“ So geht es von Haltestelle zu Haltestelle. Ich überlege, der Schüler ergänzt, die pensionierte Deutschlehrerin korrigiert. Sekunden bevor ich aussteigen muss, setze ich den letzten Punkt.

Ein paar Tage später schlüpfe ich in letzter Sekunde in den Bus und sehe aus dem Augenwinkel, dass die Deutschlehrerin an der Haltestelle sitzt. Ich halte einen Daumen in die Luft und sie nickt lächelnd. Da fällt mir auf, dass ich nicht einmal ihren Namen kenne. Augen in der Großstadt…

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