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Chancen und Risiken autonomer Fahrzeuge

Die Automatisierung von Fahrzeugen hat das Potenzial, den Mobilitätsmarkt grundlegend zu verändern. Im Interview erläutert Dr. Till Ackermann, Fachbereichsleiter Business Development des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV), wie Verkehrsunternehmen sich aufstellen könnten, um als Gewinner dieser Entwicklung hervorzugehen. 

1.    Den Einsatz von vollautomatischen Fahrzeugen bringt man momentan vor allem mit dem Automobilsektor in Verbindung. Wie attraktiv ist das autonome Fahren für die ÖPNV-Branche?

Das Thema Automatisierung von Schienensystemen ist in der ÖPNV-Branche schon lange Zeit präsent und die notwendigen Technologien sind vorhanden. So haben wir in Nürnberg seit einigen Jahren automatische U-Bahnen. Und im Ausland sind die mir bekannten U-Bahn-Strecken, die derzeit neu gebaut werden, alle vollautomatisiert. Im Grunde sind wir dem Automobilsektor bei der Entwicklung somit einen Schritt voraus. Richtig spannend wird es für uns noch einmal bei der Verbreitung von autonomen Pkw. Sie könnten den Mobilitätsmarkt grundlegend verändern und somit auch die Rolle des Öffentlichen Personennahverkehrs.

2.    Wieso konnte sich das autonome Fahren im ÖPNV nicht weiter ausbreiten, wenn es bereits seit Jahren die technischen Möglichkeiten dafür gibt?

Das ist eine Frage der Wirtschaftlichkeit. Heutzutage ist es noch sehr schwierig und vor allem teuer, ein bestehendes System nachträglich zu automatisieren. Wenn die Technologien in den nächsten Jahren kostengünstiger erhältlich sind, werden autonome Systeme sich im ÖPNV mit Sicherheit stärker durchsetzen können.

3.    Zeitsparend, einfach, günstig, entspannt – autonome Pkws rüsten sich mit Vorteilen, die bislang dem ÖPNV vorbehalten waren. Was können Verkehrsunternehmen tun, um ihre zentrale Rolle im Verkehrsmarkt nicht zu verlieren?

Wir müssen der Politik deutlich machen, dass mit der Automatisierung des Automobilsektors Veränderungen des Mobilitätsmarktes einhergehen, die sich stark auf den öffentlichen Verkehr auswirken. Momentan behandelt die Politik das Thema autonomer Pkw genauso wie das Thema Elektromobilität ­– nämlich als reine Technologiepolitik zugunsten der deutschen Automobilindustrie. Das ist zu kurz gedacht und schlichtweg falsch. Es wird nämlich übersehen, dass die autonome Entwicklung auch das Potenzial bietet, eine totale Verkehrswende im Sinne von weniger Autos in unseren Innenstädten bei besserem Mobilitätsservice und höherer Lebensqualität herbeizuführen. Darüber hinaus sollte auch der Politik klar sein, dass die Automobilindustrie aufgrund jährlicher Rekordgewinne genügend Ressourcen für hat, um Entwicklungen selber zu finanzieren. Andere Verkehrsträger wie der ÖPNV brauchen für Forschung, Entwicklung und Innovation hingegen die öffentliche Unterstützung.

4.    Sie sagten, dass autonome Fahrzeuge auch eine große Chance für den Mobilitätsmarkt sein können. Wie müssen Verkehrsunternehmen sich selbst einbringen, um die Entwicklung in die richtige Richtung zu lenken?

Aus unserer Sicht gilt es als mögliches Zukunftsszenario, autonome Pkw als „Robotertaxis“ einzusetzen. Das klingt vielleicht nach Science Fiktion, aber dabei handelt es sich um eine Art öffentliches Shuttle, das in Verbindung zum ÖPNV steht. Fahrgäste könnten über eine digitale Plattform Fahrten von und zu Haltestellen buchen. Da die Autos in der Nutzung geteilt würden, handelt sich um eine Art Carsharing, wie sie heute bereits vielfach im Einsatz ist, allerdings ohne Fahrer. Der ÖPNV sollte sich aus strategischer Sicht den Themen Carsharing und digitale Plattformen widmen.  

5.    Bedeutet das gleichzeitig, der ÖPNV sollte im Zuge der autonomen Entwicklung die Rolle des Rückgrates und vernetzenden Elementes einnehmen, wie er es heute bereits bei der multimodalen Mobilität tut?

Fest steht, dass diese Rolle zentral sein wird. Derjenige, der sie einnimmt, ist in Mobilitätsfragen in Zukunft erste Anlaufstelle für Reisende. Wenn die Verkehrsunternehmen dabei ihre heute schon sehr gute Stellung in den städtischen Märkten und gegenüber der öffentlichen Hand sowie ihren Umweltvorteil und ihre Erfahrung nutzen, dann könnten sie als Gewinner aus dieser Entwicklung hervorgehen.

6.    Momentan hören sich vollautomatisierte Autos noch sehr nach Zukunftsmusik an. Müssen Verkehrsunternehmen trotzdem bereits aktiv werden?

Ja, und zwar aus zwei Gründen: Zum einen, um der Politik frühzeitig deutlich zu machen, dass die Entwicklung sich stark auf den öffentlichen Verkehr auswirken wird. Zum anderen, um in Zukunft nicht vor vollendeten Tatsachen zu stehen. Wir wissen zwar noch nicht ganz genau, wann autonome Fahrzeuge auf deutschen Straßen unterwegs sein werden. Wenn wir uns jedoch die Entwicklungsgeschwindigkeiten der letzten Jahre anschauen wird deutlich, dass Neuerungen sich immer schneller durchsetzen als erwartet. Kurzum: Die Technologie ist zwar noch ein Stück Entwicklung von uns entfernt, sie kann aber schneller kommen, als wir alle denken.

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