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Multimodal: Status Quo oder Zukunftsmusik?

Mit der U-Bahn zur Arbeit, mit dem Leihrad geht es in die City, für größere Anschaffungen eignet sich das Carsharing-Fahrzeug : Welche Verkehrsmittel der Kunde nutzt, diese Entscheidung bleibt ihm überlassen. Er stellt sich seinen Mobilitätsmix selbst zusammen – flexibel und ganz nach seinen individuellen Bedürfnissen. So viel zum Idealbild multimodaler Mobilität. Doch wie sieht die Realität aus? Wie weit ist die multimodale Vernetzung tatsächlich vorangeschritten? 

  • Immer mehr Menschen überdenken ihr Verständnis von Mobilität, 40 Prozent der Bevölkerung sind multimodal unterwegs
  • Pilotprojekte und Anbieter bedienen die multimodale Nachfrage, verzahnte Strategien sind eher selten
  • Land und Zweckverbände unterstützen Kommunen bei der Umsetzung von übergreifenden Mobilitätskonzepten

Multimodale Mobilität ist ein hochaktuelles Thema, das vielerlei Beachtung erfährt. Sei es in der öffentlichen Diskussion, die mit jeder neuen Dienstleistung, beispielsweise im Carsharing-Sektor oder durch Online-Vermittlungsdienste, an Auftrieb gewinnt – oder aber innerhalb der Verkehrsbranche, die sich mit diesen neuen Mitbewerber am Markt auseinandersetzen muss.

Wertewandel als Basis einer neuen Mobilität

Wichtigstes Argument für die multimodale Vernetzung ist jedoch die Tatsache, dass immer mehr Menschen ihr Verständnis von Mobilität überdenken. „Mobil sein“ hieß in der Vergangenheit: ein eigenes Auto besitzen. Das Auto verliert jedoch zunehmend an Bedeutung, sowohl als Fortbewegungsmittel als auch als Statussymbol. Insbesondere im urbanen Raum, der in der Regel über einen gut funktionierenden ÖPNV verfügt, lassen PKW-Besitzer ihr Auto häufiger stehen, um auf andere Verkehrsmittel umzusteigen. Der Erwerb eines Führerscheins gehört in Deutschland zwar noch immer zum Erwachsenwerden dazu, der Anteil junger Erwachsener, die sowohl eine Fahrerlaubnis besitzen als auch in einem Haushalt mit Auto leben, nimmt seit 1998 jedoch stetig ab, wie eine Studie des Instituts für Mobilitätsforschung mit dem Titel „Mobilität junger Menschen im Wandel“ festhält.

„Nutzen statt Besitzen“ lautet das Motto. Gerade die Altersgruppe 18 bis 25 folgt diesem Leitsatz. Das steigende Bildungsniveau, das immer mehr junge Menschen an die Universitäten bringt, wo sie dank Semester-Ticket den Nahverkehr als eine günstige und zuverlässige Alternative erfahren, dürfte ein Anreiz sein. Aber auch die zunehmende Digitalisierung, die neue Dienstleistungen und die Planbarkeit von Mobilität fördert, und sozioökonomische Faktoren wie das Vorhandensein einer einträglichen Erwerbstätigkeit spielen eine Rolle. Alle diese Faktoren führen dazu, dass 40 Prozent der Bevölkerung bereits multimodal unterwegs sein sollen. Zu diesem Ergebnis kommt jedenfalls eine Untersuchung des Karlsruhe Institute of Technology.

Hemmnisse der multimodalen Mobilität

Gleichzeitig benennt die Studie Hemmnisse: So sind Multimodale mehrfach mit Fixkosten belastet. Wer ein PKW unterhält, der scheut die Anschaffung eines Monatstickets für den ÖPNV. Die Wahl des Verkehrsmittels ist für viele noch eine Entscheidung von Entweder-oder. Die Nachfrage jedoch zeigt, dass ein Markt für multimodale Mobilität vorhanden ist.

Im Hinblick auf die Anforderungen an eine nachhaltige, moderne Gesellschaft sieht der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen den Öffentlichen Nahverkehr als „Rückgrat und Motor eines zukunftsorientierten Mobilitätsverbundes“ – die Branche weiß, wie (Massen-)Mobilität organisiert wird und bringt die Kundenbasis mit, die für Anbieter neuer Dienste interessant ist. Verkehrsunternehmen in NRW haben bereits eine Reihe von vielversprechenden Pilotprojekten ins Leben gerufen {Link zu den Best-Practices}. „Die bislang in Deutschland realisierten Mobilpakete konzentrieren sich auf die organisatorische Verknüpfung von Angeboten und bilden damit eine eher ‚statische’ Vernetzung“, heißt es in einem Hintergrundpapier des VDV {Link zum Hintergrundpapier}. Soll heißen: Möchte der Fahrgast eine bestimmte Mobilitätsleistung buchen, muss er sich in der Regel an den jeweiligen Anbieter wenden. Eine zentrale Anlaufstelle, eine digitale Plattform, die alle Funktionen und alle (über-)regionalen Angebote vereint, ihm multimodale Mobilität aus einem Guss ermöglicht, gibt es noch nicht.

Wer setzt Mobilitätsimpulse?

Auf dem Weg dorthin gilt es noch eine Reihe von institutionellen, technologischen, rechtlichen, finanziellen und planerischen Voraussetzungen zu erfüllen. Die Fülle an Rahmenbedingungen, die der VDV in seinem Positionspapier benennt, mag den Eindruck erwecken, dass die Transformation vom Verkehrs- zum Mobilitätsverbund vergleichsweise am Anfang steht. Fakt ist: Diesen Prozess voranzutreiben ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Die Impulse gehen idealerweise von den Verkehrsunternehmen aus, gefragt sind allerdings auch die Vertreter aus Politik und Verwaltung vor Ort. Ihnen kommt die Aufgabe zu, die Anstrengungen so weit wie möglich – etwa durch die Berücksichtigung multimodaler Maßnahmen innerhalb kommunaler Planungen – zu unterstützen. „Der Kommune kommt bei der Entwicklung multimodaler Angebote eine Schlüsselrolle zu“, betont Theo Jansen. Als Leiter der Abteilung Mobilitätsmanagement beim Verkehrsverbund Rhein-Sieg (VRS) weiß er jedoch: „Viele Kommunen sind in diesem Bereich sehr aktiv.“ Der VRS unterstützt Kommunen bei der Umsetzung eines kommunalen Mobilitätsmanagements, indem er den Wissens- und Erfahrungsaustausch zwischen den Kommunen fördert und Beratungen vor Ort durchführt.. Außerdem bietet der VRS mit Unterstützung des Verkehrsministeriums des Landes einen Lehrgang für kommunale Mitarbeiter zum kommunalen Mobiltätsmanagement an.

Koordinierte Strategien sind gefordert

Doch auf welcher Evolutionsstufe vom Verkehrs- zum Mobilitätsverbund stehen wir nun? Oder, um die Eingangsfrage wieder aufzugreifen: Wie deutlich ist die Zukunftsmusik vernehmbar? Bei einer pessimistischen Auslegung des VDV-Positionspapiers könnte man zum dem Schluss kommen, dass der Prozess noch nicht richtig angestoßen ist. Pilotprojekte, Aktionspläne und konkrete Maßnahmen von ÖPNV und Kommunen widersprechen dieser pessimistischen Sichtweise. „Insgesamt sind wir weiter als mancher denkt“, ist Theo Jansen überzeugt. Gleichwohl räumt der Fachmann ein: „Es mangelt an abgestimmten, koordinierten Strategien. Das Ziel besteht darin, das kommunale Planen und Handeln auf eine nachhaltige Mobilitätsentwicklung auszurichten.“ Allerdings, daran lässt Jansen keinen Zweifel aufkommen, könnten die strategischen Bestrebungen kurz- bis mittelfristig intensiviert werden.

Das Mobilitätsmanagement beim VRS ist eine von insgesamt vier Koordinierungsstellen, die dem vom Land geförderten „Zukunftsnetz Mobilität NRW“ angehören. Dieses Landesnetzwerk trägt der gesteigerten Bedeutung des multimodalen Gedankens Rechnung. NRW-Verkehrsminister Michael Groschek (SPD), der es sich zum Ziel gemacht hat, den Anteil der Fahrradfahrten am Nahverkehr bis 2020 zu verdoppeln, räumt dem Thema „Multimodale Mobilität“  höchste Priorität ein. Wie weit die Vernetzung in den nächsten Jahren tatsächlich voranschreitet, das entscheiden die handelnden Akteure. Wer multimodale Mobilität möchte, darf es nicht bei Absichtserklärungen belassen.

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