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Busschule

Schulkinder sollen zu ihrer Sicherheit das richtige Verhalten in Bussen und an Haltestellen lernen. Deshalb werden verschiedene Projekte zur Mobilitätserziehung entwickelt.

Quelle: Vestische

Schüler gehören zu einer großen Kundengruppe im Nahverkehr. Damit sie sich und andere nicht gefährden, kommt es auf das richtige Verhalten auf dem Schulweg an, z.B. beim Warten an der Haltestelle, beim Einstieg ins Fahrzeug und gegenüber Mitreisenden. Um die Schulkinder auf den ÖPNV vorzubereiten, entwickeln die Verkehrsbetriebe verkehrspädagogische Maßnahmen. Sie wollen damit das richtige Verhalten rund um den Nahverkehr fördern, und zwar in puncto "Verkehrssicherheit" als auch bezüglich "Rücksichtnahme auf andere". Entsprechend gibt es in vielen Städten und Gemeinden Projekte für die ÖPNV-bezogene Verkehrserziehung von Schulkindern. Auch für die spätere Verkehrsmittelwahl junger Menschen haben die Erfahrungen mit dem ÖPNV während der Phase des Schulbesuchs eine große Bedeutung.

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Ausgangslage

Die traditionelle Verkehrs(sicherheits-)erziehung in der Primarstufe ist in Deutschland weit verbreitet. Hierbei spielen die Polizei sowie die Verkehrswachten als außerschulische Partner häufig eine wichtige Rolle. Während die verkehrspädagogische Arbeit in Schulen in der Vergangenheit vornehmlich durch eine Verkehrssicherheitsorientierung im Straßenverkehr geprägt war (Stichwort „Fahrradführerschein“), fand Anfang der 1990er Jahre ein Paradigmenwechsel statt. Die klassische Verkehrssicherheitserziehung in der Schule wurde ergänzt um Aspekte einer umfassenden Mobilitätserziehung, die auch das multimodale Verkehrsverhalten (situationsorientierte, „intelligente“ Verkehrsmittelwahl zwischen allen zur Verfügung stehenden Verkehrsmitteln) problematisiert. Dieser Ansatz findet sich mittlerweile in den Curriculen aller Bundesländer wieder.

In diesem Zusammenhang rückt der öffentliche Nahverkehr verstärkt in den schulischen Kontext. ÖPNV-bezogene verkehrspädagogische Arbeit in Schulen verfolgt im Wesentlichen die Ziele:

  • Verkehrssicherheitserziehung (d.h. richtiges und sicheres Verhalten im Schulbus und an der Haltestelle),
  • Entwicklung eines positiven Umfeldes für den ÖPNV (Public Awareness) unter Kindern und Jugendlichen (d.h. Wahrnehmen, Kennenlernen und Verstehen des ÖPNV als Verkehrssystem neben dem privaten Pkw),
  • Gewinnung von wahlfreien ÖPNV-Kunden nach dem Führerscheinerwerb (d.h. Kundenwerbung für Morgen),
  • Erziehung junger Menschen zu einer intelligenten multimodalen Verkehrsmittelwahl nach dem Führerscheinerwerb (d.h. Vermeidung einer Fokussierung auf den Pkw/ das Kraftrad).

Elemente der verkehrspädagogischen Arbeit in Schulen sind

  • Fahrzeugbegleiter (auch: Busbegleiter, PeaceMaker, Bus-Scouts, Bus-Guides, Schul-Scouts, Schulbegleiter, Buspate genannt)
    In besonderen Programmen geschulte Begleiter (Schülerinnen oder Schüler höherer Klassen, Rentner, 1-Euro-Kräfte) treten Streit schlichtend und ordnend bei der Schulbusfahrt auf. Sie erhöhen damit die Schulwegesicherheit und beugen Gewalt bzw. Vandalismus im Fahrzeug vor. Ihr vorbildhafter Einsatz bietet den Heranwachsenden zudem die Chance, Zivilcourage und ehrenamtliches Engagement zu trainieren und soziale Verantwortung zu tragen.
  • Unterrichtseinheiten zum ÖPNV (auch: Busschule)
    Verkehrsunternehmen und Verbünde führen in Schulen spezielle verkehrspädagogische Projekte durch, die sich an den verschiedenen Altersklassen der Schüler orientieren. Bestandteile sind theoretische Einheiten, Betriebshofbesichtigungen, spielerische Auseinandersetzung mit dem Thema Mobilität, Schulwegesicherheit.
  • ÖPNV-bezogene Unterrichtsmaterialien
    Damit sich ÖPNV-bezogene Inhalte in der Verkehrserziehungsarbeit an Schulen überhaupt durchsetzen können, sind geeignete Unterrichtsmaterialien erforderlich. Bei der Entwicklung dieser Materialien haben einige größere Verkehrsunternehmen und Verkehrsverbünde in der Vergangenheit bereits Pionierarbeit geleistet.

Im Rahmen der Vorbereitung auf die Tätigkeit als Fahrzeugbegleiter werden meist folgende Maßnahmen durchgeführt:

  • Streitschlichtungs- und Deeskalationstraining,
  • Kommunikationstraining (u.a. Gesprächsführung, Körpersprache),
  • Schulung über die Sicherheitseinrichtungen und Gefahrenbereiche in den eingesetzten Bussen.

Akteure

Im Rahmen eines vom Verkehrsministerium NRW geförderten Projekts des Verkehrsverbunds Rhein-Ruhr (VRR) wurde an Beispielen in der Region Düsseldorf untersucht, welche positiven Effekte die verkehrspädagogische Arbeit an Schulen hat. Mitwirkende des Projekts waren die Rheinbahn Düsseldorf und das Lehr- und Forschungsgebiet Straßenverkehrsplanung und -technik der Bergischen Universität Wuppertal. So konnte anhand der in Meerbusch durchgeführten Projekte Busschule und Busbegleiter ein deutlicher Rückgang der Unfallzahlen von Kindern und Jugendlichen im ÖPNV nachgewiesen werden. Ebenfalls positiv wurde die Wirkung der Projekte auf Vandalismusschäden und die erzielte PR-Wirkung eingeschätzt. Der Nutzen im Bereich der Neukundengewinnung hat sich dagegen als gering erwiesen. Eine monetäre Bewertung der Projekte ergab, dass der Gesamtnutzen aus den vier Wirkungsebenen (Unfallzahlen, Vandalismusschäden, Public Relations und Neukundengewinnung) größer war als die entstandenen Kosten. Die Ergebnisse der Projekte sollen anderen Verkehrsunternehmen helfen, vergleichbare Projekte im verkehrspädagogischen Bereich zu entwickeln.

Einen Überblick über Busschulen und Busbegleitung zeigt das Internetportal "Schulbusprojekte" des Deutschen Verkehrssicherheitsrates e.V. (DVR). So sind dort zurzeit 15 Projekte in Nordrhein-Westfalen gemeldet (Stand Dezember 2014).

Bei Fahrzeugbegleitern im Schülerverkehr hat die BOGESTRA in NRW Pionierarbeit geleistet, und zwar seit 1998 an einer Gesamtschule in Gelsenkirchen. Inzwischen machen zahlreiche Schulen aller Schulformen im Betriebsgebiet der BOGESTRA mit, u.a. in Bochum, Herne, Gelsenkirchen, Hattingen, Witten und Herdecke. Weit über 2.500 Jugendliche sind bereits zum Fahrzeugbegleiter ausgebildet worden. Das Projekt wird in Zusammenarbeit mit dem Polizeipräsidium Bochum durchgeführt und ist eingebettet in die Initiative „Ordnungspartnerschaften“ des Innenministeriums des Landes NRW. Inzwischen sind weitere Anwendungsbeispiele von Fahrzeugbegleitern aus verschiedenen Regionen Nordrhein-Westfalens bekannt (u.a. aus Bielefeld, Duisburg, Düsseldorf, Köln, Münster, Remscheid, Wuppertal, Kreis Düren, Kreis Heinsberg, Märkischer Kreis, Kreis Recklinghausen, Kreis Unna).

Die "SchulScouts" sind speziell im Umgang mit Jugendlichen geschulte Mitarbeiter der Regionalverkehr Köln GmbH (RVK) und bereits seit 2002 im Einsatz. Gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern wollen die derzeit acht SchulScouts ein Bewusstsein für eskalationsgefährdete Situationen entwickeln und Wege zu Ihrer Entschärfung aufzeigen.  Im Rahmen dieses Projektes können z.B. Schüler ab der 8. Klasse nach einem 12-stündigen Lehrgang Buspaten werden und damit als selbständiger Busbegleiter tätig sein. Seit 2002 haben sich in der Region Köln mehr als 1.800 Schüler qualifiziert (Stand 2012). Weiterhin werden u.a. Kennenlerntage für Vorschulkinder und Verkehrssicherheitstage an Schulen angeboten. Das Projekt wurde aus Mitteln des Landesprogramms für Sicherheit und Service im ÖPNV durch das Verkehrsministerium NRW aufgebaut und wird bis heute weitergeführt. Seit dem Einsatz der SchulScouts sind die Aufwendungen zur Behebung von Vandalismusschäden um 40 bis 50 Prozent auf jährlich etwa 270.000 Euro zurückgegangen.

Im Projekt „Up to you! Bus&Bahn machen Schule“ haben sich seit 2001 mittlerweile über 50 Verkehrsunternehmen im Raum Ostwestfalen-Lippe zusammengeschlossen, um in Zusammenarbeit mit der Polizei, den Schulen und der Bezirksregierung Detmold verkehrspädagogische Angebote zu entwickeln. Durch die Mitwirkung einer so großen Zahl von Verkehrsunternehmen konnte ein flächendeckendes Angebot mit hoher Reichweite im vielfach ländlich strukturierten Raum Ostwestfalen-Lippe erzielt werden, was als bundesweit einmalig zu betrachten ist. Die BVO Busverkehr Ostwestfalen GmbH hat das Projekt initiiert und den Grundstein für dieses regionsweite Netzwerk gelegt. „Up to you!“ wurde anfangs im Rahmen des Landesprogramms für Sicherheit und Service im ÖPNV durch das Verkehrsministerium NRW gefördert und später als Verein „Up to you! Bus&Bahn machen Schule e.V.“ fortgeführt. Basisbausteine sind die Ausbildung von Jugendlichen zu Fahrzeugbegleitern und die Busschule . Die Ausbildung der Fahrzeugbegleiter erfolgt durch den Verein „Up to you! Bus&Bahn machen Schule e.V.“. Rund 10.000 jugendliche Schüler sind bis heute zu ehrenamtlichen Fahrzeugbegleitern ausgebildet worden. Aktuell sind rund 3.000 Fahrzeugbegleiter aus rund 85 Schulen im Einsatz (Stand 2016). Polizei und Verkehrsunternehmen bieten die Busschule flächendeckend im Raum Ostwestfalen-Lippe an.

Mehrere große Verkehrsunternehmen leisten im Rahmen ihrer Mobilitätsberatung eine intensive Arbeit an Schulen. Beispielhaft hierfür können die Wuppertaler Stadtwerke mit ihrem Mobilitätsberater-Team und die Essener Verkehrs-AG genannt werden.

ÖPNV-bezogene Unterrichtsmaterialien für den Einsatz an Schulen sind in der Vergangenheit durch viele Verkehrsunternehmen und Verkehrsverbünde entwickelt worden. Beispiel hierfür sind die vom VRR mit mehreren Verbundunternehmen entwickelten Materialien mit Arbeitsvorschlägen für Lehrer („Mobile Kids? Aber sicher“) und den zugehörigen Arbeitsblättern für den Einsatz in der vierten Klasse sowie ein Verkehrserziehungsfilm. Auch der VRS bietet ein breites Spektrum altersspezifischer Unterrichtsmaterialien zur Mobilitätserziehung für die Primarstufe und die Sekundarstufe an und unterstützt die Kommunen und Schulen bei der Ausarbeitung von Mobilitätsmanagementstrategien.

Der Bundesverband Deutscher Omnibusunternehmen hat bereits 2006 mit Unterstützung durch den Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft die bundesweite Informationskampagne „BUSSTOP – sicher zur Schule“ ins Leben gerufen. Ziel der Kampagne ist eine noch engere Zusammenarbeit zwischen Schulen und Busunternehmen. Dazu wurde das Internetportal "BUSSTOP" eingerichtet. Eltern, Erzieher und Lehrer stehen hier Informationen rund um Schülerbeförderung und Mobilitäts- bzw. Sicherheitserziehung zur Verfügung.

In der Region Frankfurt Rhein-Main ist mit finanzieller Unterstützung durch das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur ein Schülerradroutenplaner entwickelt worden. Ziel ist es, eine sichere Fahrradroute auf dem Weg von zu Hause zur Schule auf dem PC oder Smartphone berechnen zu lassen. Grundlage dafür sind Schulradwegepläne, die in Zusammenarbeit mit den Schülern schrittweise entwickelt werden und in den Radroutenplaner einfließen sollen.

Im EU-Projekt STARS (Sustainable Travel Accreditation and Recognition for Schools) arbeiten neun Partner (u.a. die Stadt Bielefeld) an einem gemeinsamen Ziel: es sollen mehr Schülerinnen und Schüler mit dem Fahrrad zur Schule fahren und sich nicht mehr mit dem Auto zur Schule bringen lassen.

CONNECT ist ein europäisches Projekt, das sich mit der Verbreitung und Implementierung von erfolgreichen Maßnahmen zum Schulischen Mobilitätsmanagement beschäftigt. Im Rahmen des Projektes ist die Internetseite Schoolway.net ins Leben gerufen worden. Im Mittelpunkt des Projektes stehen erfolgreiche bewusstseinsbildende Maßnahmen im Bereich Schulisches Mobilitätsmanagement, die europaweit in den Schulen umgesetzt werden können (z.B. das Verkehrsschlangenspiel "Umweltfreundlich und sicher zur Schule" für Kinder, Videokampagnen zum Themenkomplex "Mobilität - Umwelt - Gesundheit" für Jugendliche).

Das EU-Projekt BAMBINI setzt bereits vor der Schulzeit an. Hauptziel von BAMBINI ist es, das Mobilitätsverhalten von sehr kleinen Kindern (0-6 Jahre) und ihren Eltern ebenso zu ändern wie die Einstellung von Entscheidungsträgern und der Spielzeugindustrie. Dadurch soll die in Europa vorherrschende Mobilitätskultur, die vom Auto dominiert wird, in Richtung einer aktiven Mobilität verschoben werden.

Probleme und Aufgaben

Die verkehrspädagogische Arbeit hat aus Sicht der Schulen und der Gesellschaft einen besonderen Wert, der – wie Bildungsarbeit im Allgemeinen – schwer zu monetarisieren ist. Für Verkehrsunternehmen, die sich zunehmend in einem Wettbewerbsumfeld befinden, spielt die Kostenwirkung ihrer Öffentlichkeitsarbeit jedoch eine große Rolle. Dabei lässt die verkehrssicherheitsbezogene Arbeit an Schulen (Stichwort: Fahrzeugbegleiter) einen unmittelbaren Effekt erkennen (Eindämmung von Gewalt/Vandalismus/Belästigung von anderen Fahrgästen), während die mobilitätspädagogische Arbeit (Stichwort: Unterrichtseinheiten zum ÖPNV) aus Sicht der Unternehmen eher langfristig wirtschaftlichen Erfolg verspricht.

Das allgemeine Umfeld für ein stärkeres Engagement der Verkehrsunternehmen in diesen Bereichen ist unter den Vorzeichen des zunehmenden Kostendrucks eher ungünstig. Ziel muss daher sein, ÖPNV-bezogene verkehrspädagogische Projekte an Schulen als ganzheitliche Konzepte zu entwickeln. Diese sind entweder durch vorhandene Personalressourcen der Verkehrsunternehmen (z. B. Verkehrsmeister) zu leisten oder als gemeinschaftliche Aufgabe von Schule, Verkehrsunternehmen und Aufgabenträger zu verstehen. Auch die wissenschaftliche Begleitung und die monetäre Bewertung der verkehrspädagogischen Projekte tragen zur besseren Abschätzung der Wirkung verkehrspädagogischer Maßnahmen bei und können damit zu einem stärkeren Engagement führen.

Wichtig erscheint überdies, die negativen Folgen von Bring-und-Abholverkehre mit Pkw (Eltern chauffieren ihre Kinder von und zur Schule) stärker in ein öffentliches Blickfeld zu rücken. Diese substituieren nicht selten Schulwege mit dem ÖPNV und tragen zu einem unerwünschten erhöhten Verkehrsaufkommen im sensiblen unmittelbaren Umfeld der Schulstandorte bei.

In der Mobilitätserziehung in Deutschland sollten zudem Chancen für neue Konzepte genutzt werden. So wurde z. B. in der Region Flandern (Belgien) eine Mobilitätsverpflichtung („Mobility Covenant“) als Selbstverpflichtung zur Verkehrsreduktion, Verlagerung auf Verkehrsmittel des Umweltverbundes (ÖPNV, Rad- und Fußgängerverkehr) und Sicherheitserhöhung entwickelt. Kommunen gehen diese Selbstverpflichtung gegenüber der Regionalverwaltung ein, Schulen und Betriebe gegenüber der Kommune. Bestandteil der Mobilitätsverpflichtung ist ein Mobilitätsplan der Schule, der die verkehrlichen Eckpunkte festlegt und konkrete Maßnahmen vorsieht.

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