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Stadtbus

Mal kurz ins Nachbardorf oder zum Shoppen in die Stadt? Bei kurzen Strecken bieten Stadtbusse in Klein- und Mittelstädten die ideale Alternative zum Auto.

Während große Städte traditionell über eigenständige lokale Stadtverkehrssysteme verfügen, war die Situation in vielen Klein- und Mittelstädten (ca. 25.000 bis 75.000 Einwohner) lange Zeit unbefriedigend: Entweder verband eine mehr oder minder regelmäßig verkehrende Stadtverkehrslinie die Stadtquartiere miteinander oder Regionalbusse stellten die Verbindung zwischen den Stadtteilen entlang ihres Linienwegs und der Stadtmitte her. Durch den Planungsansatz "Stadtbus" hat der ÖPNV in Klein- und Mittelstädten seit den 1990er Jahren eine Renaissance erlebt. Nur wenige kurze Linienäste erschließen das Stadtgebiet und sind an einer zentralen Haltestelle miteinander verknüpft, so dass von jedem Stadtteil nicht nur in die Innenstadt, sondern in jeden anderen bedienten Stadtteil gefahren werden kann. Der minimierte Fahrzeugbedarf hält die Kosten des gesamten Systems für die Kommune tragfähig. Ausgehend von ersten Beispielen in der Schweiz und Österreich hat sich der Ansatz auch in vielen Klein- und Mittelstädten in NRW verbreitet. Mit Hilfe und Unterstützung des Verkehrsministeriums NRW wurde dabei in vielen Städten Nordrhein-Westfalens ein Stadtbus-System (Download der Broschüre) eingeführt.

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Ausgangslage

Stadtbussysteme weisen die folgenden charakteristischen Merkmale auf:

  • Das Liniennetz setzt sich aus möglichst direkt geführten Radial- und Durchmesserlinien zusammen.
  • Alle Linien werden möglichst an einer zentralen Umstiegshaltestelle („Rendezvous-Haltestelle”) miteinander verknüpft, so dass ein Umstieg in jede Richtung möglich ist.
  • Um eine hohe Pünktlichkeit und schnelle Beförderung zu gewährleisten, werden Beschleunigungsmaßnahmen für den Busverkehr durchgeführt.
  • Alle Linien verkehren im leicht merkbaren Taktfahrplan mit einer attraktiven Taktfolge (z. B. alle 30 Minuten). Übernimmt der Stadtbus auch die Anbindung an den SPNV oder an das regionale Busnetz, wird der Fahrplan darauf abgestimmt. In nachfrageschwachen Zeiten (z. B. abends oder am Wochenende) werden häufig Bedarfsverkehre wie Anrufsammel-Taxen (AST) eingesetzt.
  • Geringe Haltestellenabstände von etwa 300 Metern verkürzen die Zugangswege der Fahrgäste zu den Haltestellen.
  • Die Haltestellen und die Fahrzeuge entsprechen einem modernen Standard und bieten den Fahrgästen einen hohen Komfort. Sie sind in der Regel in einem stadttypischen Corporate Design gestaltet.
  • Fahrgastinformation und Service werden mit dem Stadtbus-System wesentlich verbessert.

Der Planungsansatz "Stadtbus" verfolgt das Ziel, mit einem der Stadtgröße angemessenen Betriebsaufwand und einem stringenten, hohen Qualitätsanpruch (z.B. einheitliches Erscheinungsbild von Fahrzeugen und Haltestellen, starrer Takt) eine sehr attraktive ÖV-Angebotsqualität auch in Klein- und Mittelstädten zu produzieren, die in Konkurrenz zum motorisierten Individualverkehr (MIV) treten kann.

Der Erfolg eines Stadtbus-Systems hängt selbstverständlich von der konkreten Stadtstruktur ab. Kernstädte mit dicht besiedelten Randbereichen bzw. Vororten (jenseits der üblichen Fußwegeentfernungen zur Innenstadt) eignen sich besonders für den Einsatz von Stadtbus-Systemen, da Fahrgäste zwischen den Randbereichen (Wohnen) und der Kernstadt (Arbeiten, Ausbilden, Versorgen) die Hauptnutzergruppe in Stadtbus-Systemen darstellen. Eine hohe Anzahl von Auspendlern in Nachbarstädte verringert dagegen das Fahrgastpotenzial.

Im Rahmen einer sinnvollen verkehrlichen Aufgabenteilung sollte der Stadtbus nicht in Konkurrenz zu anderen Verkehrsmitteln des Umweltverbundes (Fuß, Rad) und zu vorhandenen Regionalbuslinien stehen. Als Element einer differenzierten ÖPNV-Produktpalette konzentriert sich der Stadtbus mit seiner erschließenden Funktion auf den lokalen Verkehrsmarkt. Da der Stadtbus die ÖV-Erschließung sicherstellt, können die verbindenden Regionalbusachsen geradlinig und beschleunigt im Stadtgebiet verkehren. Zudem sollte die Parkraumpolitik der Kommune (Ausbau Parkraum und Bewirtschaftung) die Wirkungen des Stadtbus-Systems nicht konterkarieren.

Stadtbus-Systeme müssen in enger Abstimmung zwischen der betreffenden Stadt oder Gemeinde, der kommunalen Gebietskörperschaft als Aufgabenträger, den örtlichen Verkehrsunternehmen sowie den Verkehrsverbünden und Verkehrsgemeinschaften eingeführt werden. Die rechtlichen Gegebenheiten und Bedingungen des Konzessionsrechts sowie die Tarifbildung in Stadtbus-Systemen im Rahmen von Verbundtarifen (z. B. spezieller City-Tarif) sind frühzeitig einvernehmlich zwischen allen Beteiligten zu klären. Die Zusammenarbeit mit den regionalen Verkehrsunternehmen ist zwingend erforderlich, um eine insgesamt abgestimmte Produktpalette zu entwickeln und eine sachgerechte Verzahnung zwischen lokalen und regionalen Angeboten im ÖPNV zu erwirken.

Akteure

In Nordrhein-Westfalen sind seit 1994 mehr als 20 Stadtbus-Systeme eingeführt worden. Die Größe der einzelnen Städte ist ganz unterschiedlich – beginnend bei etwa 15.000 Einwohnern in Hövelhof (Kreis Paderborn) bis hin zu etwa 80.000 Einwohnern in Detmold und Arnsberg. Nahezu alle Stadtbus-Systeme konnten in relativ kurzer Zeit einen deutlichen Nachfragezuwachs verzeichnen.

Einige Beispiele:

  • Lemgo führte 1994 das erste Stadtbus-System in NRW ein – begleitet von einer intensiven Öffentlichkeitsarbeit. Fahrzeuge und Haltestellen in Lemgo sind attraktiv und nach einheitlichen Kriterien gestaltet. Bedarfsverkehre ergänzen das Angebot in nachfrageschwachen Zeiten. Bereits im ersten Betriebsjahr nutzten 1,2 Millionen Fahrgäste den Stadtbus; 80 Prozent waren Neukunden des ÖPNV. Jährlich befördert der Stadtbus Lemgo heute rund 2 Millionen Kunden.
  • Der Stadtbus Euskirchen wurde 1996 eingerichtet. Neben der Organisation des Stadtbusverkehrs ist die Stadtverkehr Euskirchen GmbH (SVE) auch für den Betrieb von Parkhäusern und für die Parkraumbewirtschaftung im Auftrag Dritter zuständig. In den Händen der SVE sind damit verkehrsträgerübergreifende Aufgaben gebündelt.
  • Im Juni 1997 nahm der Stadtbus Dormagen seinen Betrieb auf. Das Liniennetz ist sowohl auf die Kernstadt als auch auf die Haltepunkte und damit den Fahrplan der S-Bahn-Linie 11 nach Köln und Düsseldorf angepasst. Um die Zu- und Abbringerfunktion des Stadtbusses auch in den Abend- und frühen Nachtstunden und am Wochenendtagen zu gewährleisten, verkehren NachtExpress- und WochenendExpress-Linien (NE und WE) mit reduziertem Fahrzeugeinsatz und besonderen Linienwegen. Der Stadtbus Dormagen ist tariflich sowohl in den Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (gilt für Fahrten innerhalb von Dormagen sowie in Richtung Norden) als auch in den Verkehrsverbund Rhein-Sieg (Fahrten Richtung Köln) integriert.
  • Seit September 1997 verkehrt der Stadtbus auch in Rheine. Inzwischen wurde das Angebot auf 12 StadtBus-Linien (Radiallinien) erweitert. In den Abendstunden wird das Busangebot durch Anruf-Sammeltaxen (AST) ersetzt. Das Stadtbus-Konzept in Rheine beinhaltet unter anderem eine vergünstigte Monatskarte, mit der auch das CarSharing-Angebot der Stadtwerke wahrgenommen werden kann.
  • Die Stadt Geldern betreibt ihren Stadtverkehr seit 1998. Zu den Hauptverkehrszeiten (Schulzeiten) verkehren Standardlinienbusse. Zu allen übrigen Zeiten werden bedarfsorientiert TaxiBusse eingesetzt. Im Jahr 2013 ist das Stadtbus-Angebot um eine neue Linie („de Geldersche“) ergänzt worden. In einem dreijährigen Probebetrieb bedient seither ein Kleinbus im Stundentakt das Stadtgebiet und bietet auf seiner Schleifenfahrt zahlreiche Direktverbindungen.
  • Im September 2002 nahm der Stadtbus Arnsberg seinen Betrieb auf. Neun Stadtbus-Linien bedienen das Stadtgebiet im 30‘- oder 60‘-Takt. Seit 2014 wird eine Stadtbus-Linie durch Express-Fahrten zu den Berufsanfangs- und -endzeiten ergänzt.
  • Der Stadtbus Lippstadt wurde 2004 eingerichtet. Vom zentralen Verknüpfungspunkt „Bustreff Bahnhof“ aus erschließen insgesamt fünf Stadtbuslinien das Stadtgebiet. In den Abendstunden wird das Busangebot durch Anruf-Sammeltaxen (AST) ersetzt.

Das Forschungs- und Demonstrationsvorhaben IMAGO – eines der vier in NRW im Rahmen des Förderschwerpunkts „Personennahverkehr für die Region“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (bmbf) durchgeführten Projekte – hat die Weiterentwicklung der in den letzten Jahren in Klein- und Mittelstädten erfolgreich eingeführten Stadt- und Ortsbussysteme zu integrierten Mobilitätsdienstleistungsangeboten (z. B. Einrichtung von Mobilitätszentralen, Direktmarketing) und die Übertragbarkeit der hohen Angebotsqualität in den Stadtbus-Städten auf die angrenzende Region untersucht.

Im Rahmen des Forschungsprogramms Stadtverkehr (FoPS) ist im Auftag des Bundesverkehrsministeriums das Forschungs- und Entwicklungsvorhaben „Der Beitrag von Stadtbussystemen zur Verbesserung von Mobilität und Standortqualität in Klein- und Mittelstädten“ durchgeführt worden. Untersucht wurden die Wechselwirkungen zwischen Stadtbussystem und Mobilitätsverhalten sowie der Standortqualität in der Stadtbus-Stadt. Außerdem wurden Einflussgrößen auf den betrieblichen Erfolg von Stadtbussystemen ermittelt. Die Kurzfassung des Abschlussberichts finden Sie hier.

Im Rahmen des EU-Projektes PROCEED (Laufzeit 2006 bis 2009) ist ein Anwenderleitfaden für erfolgreiche Stadtbussysteme in Klein- und Mittelstädten erstellt worden. Hintergrund ist eine europaweite Recherche von Erfahrungen, die sich auf 62 Fallbeispiele und 30 Experten abstützen.

Probleme und Aufgaben

Die Produktpalette des ÖPNV und damit auch der Stadtbus unterliegt einem ständigen Anpassungsdruck an sich wandelnde Rahmenbedingungen. Dem wird am besten mit einer kontinuierlichen Erfolgskontrolle Rechnung getragen. So lassen sich die Attraktivität für den Fahrgast, der hohe Qualitätsstandard und der wirtschaftliche Erfolg am besten sicherstellen.

Bei der Finanzierungsplanung von Stadtbus-Systemen ist auf dauerhafte Kostendeckung zu achten. Dabei muss berücksichtigt werden, dass die verwendeten Finanzierungselemente (z. B. Querverbund-Lösungen) langfristig im Einklang mit den rechtlichen Rahmenbedingungen stehen.

Bereits erprobte Stadtbus-Systeme können als Best-Practice-Beispiele für geplante Systeme dienen. Eine gezielte Analyse bestehender Stadtbus-Systeme kann dabei helfen, Eignung und Übertragbarkeit des Systems auf andere Städte zu bewerten – vor allem im Hinblick auf die Voraussetzungen und Bedingungen vor Ort. Sprechen diese nicht für einen erfolgreichen Stadtbus-Betrieb, sind gegebenenfalls andere Konzepte zur lokalen ÖPNV-Erschließung zu favorisieren.

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