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Multibus

Einfach anrufen und schon hält der Bus an der nächsten passenden Haltestelle – der Multibus macht’s möglich.

Der Multibus sichert die Mobilität der Menschen auch in ländlichen Gebieten – und das sehr flexibel, wie zum Beispiel im westlichen Kreis Heinsberg. Das Konzept: Wer einen Bus braucht, ruft rund 60 Minuten vor dem gewünschten Fahrtantritt die Multibus-Telefonnummer an. Der Fahrgast erhält die Abfahrtshaltestelle, die genaue Abholzeit und je nach Route notwendige Umsteigehaltestellen und -zeiten.

Multibusse sind Kleinbusse, die den herkömmlichen Linienverkehr in der Fläche ergänzen. In Nordrhein-Westfalen sind sie im Kreis Heinsberg mit Schwerpunkt auf den drei Gemeinden Gangelt, Selfkant und Waldfeucht unterwegs.

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Ausgangslage

In ländlich geprägten Räumen konzentriert sich das Nahverkehrsangebot aufgrund der geringen Siedlungsdichte und der begrenzten Bündelungsfähigkeit der einzelnen Mobilitätswünsche häufig auf die nachfragestarken Hauptverkehrsachsen und auf die Hauptverkehrszeit. In der Neben- und Schwachverkehrszeit und außerhalb der Hauptverkehrsachsen führt dies nicht selten zu Mobilitätsdefiziten bei der nicht motorisierten Bevölkerung. Vor diesem Hintergrund ist im Jahr 2001 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) das Forschungsvorhaben „Personennahverkehr für die Region” initiiert worden. Der MultiBus im Kreis Heinsberg war eines von insgesamt 10 Projekten dieses Forschungsvorhabens.

Als bedarfsgesteuertes ÖPNV-Angebot verkehrten anfangs in den drei Gemeinden Gangelt, Selfkant und Waldfeucht Kleinbusse als flächenhafte Ergänzung zum herkömmlichen Linienverkehr. Nach einer ca. zweijährigen Konzeptionsphase und einem einjährigen Probebetrieb wurde der MultiBus 2004 in den Regelbetrieb überführt.

Anfang 2001 wurde mit den Vorplanungen für das MultiBus-Projekt begonnen. Um das Verkehrsverhalten der Bevölkerung zu erkunden und um Mobilitätsdefizite zu erkennen, fand 2002 eine breit angelegte Haushaltsbefragung in den drei Gemeinden Gangelt, Selfkant und Waldfeucht statt. Neben der Ermittlung konkreter MultiBus-Aufgaben (flächenhafte Erschließung der drei Gemeinden, Zubringer zum regionalen Liniennetz) ermöglichte die Haushaltsbefragung auch die Identifizierung der Hauptzielgruppen: Kinder und Jugendliche, Familien und Senioren.

Bevor der MultiBus in Betrieb gehen konnte, mussten einige durch das Genehmigungsrecht gegebene Hürden genommen werden. In Abstimmung mit der zuständigen Bezirksregierung wurde ein Ordnungsrahmen erarbeitet, der die Genehmigung des MultiBus-Betriebes nach § 42 PBefG ermöglichte. Auf diese Weise konnten sämtliche Förder- und Ausgleichsmittel in Anspruch genommen werden, die nur linien- und fahrplangebundenen Verkehren gewährt werden. Hierdurch konnte jedoch eine haltestellenunabhängige Haus-zu-Haus-Bedienung, wie im MultiBus-Konzept ursprünglich vorgesehen, in dieser Form nicht realisiert werden. Um den Fahrgästen aber eine möglichst haustürnahe Bedienung anbieten zu können, wurden zusätzliche Haltestellen eingerichtet. Alle Siedlungsbereiche lagen nun maximal 200 Meter entfernt von der nächstgelegenen Haltestelle.

Der MultiBus übernahm die flächenhafte Erschließung auf dem Gebiet der drei Gemeinden Gangelt, Selfkant und Waldfeucht. Außerdem sollte er als Zubringer zu den stärker nachgefragten Regionalbuslinien nach Geilenkirchen und Heinsberg dienen. Der Umstieg zwischen dem MultiBus und den weiterführenden Regionalbuslinien fand an vier Verknüpfungshaltestellen im Bedienungsgebiet des MultiBusses statt. Anfangs hat das im Kreis Heinsberg tätige Verkehrsunternehmen WestEnergie und Verkehr vier Kleinbusse mit Niederflurtechnik und je elf Sitz- und Stehplätzen eingesetzt. Zum Fahrplanwechsel im Dezember 2004 wurden mit dem MultiBus bereits Fahrten aus dem eigentlichen Bedienungsgebiet heraus nach Heinsberg angeboten. Seit Dezember 2006 bestand am Wochenende und an Feiertagen jeweils im Stundentakt die Möglichkeit, direkt mit dem MultiBus in die Zentren von Geilenkirchen und Heinsberg zu fahren.

Mit der Einführung des MultiBusses wurde das Angebot auf den herkömmlichen Buslinien im MultiBus-Bedienungsgebiet reduziert, indem z. B. Regionalbuslinien in den verkehrsschwachen Zeiten bis zu den Verknüpfungspunkten zum MultiBus verkürzt wurden. Von dort übernahm der MultiBus die weitere Beförderung. Im Schülerverkehr diente der MultiBus auf gering nachgefragten Ästen ebenfalls als Zubringer.

Anfang 2008 wurden tägliche Verbindungen aus den Gemeinden Gangelt, Selfkant und Waldfeucht in die Niederlande eingerichtet. An vier verschiedenen Stellen fährt der MultiBus seitdem auf Wunsch über die Grenze bis zu einer dort verkehrenden Buslinie der Veolia Limburg (und wieder zurück). Darüber hinaus wird an Wochenenden und Feiertagen vom Bahnhof Geilenkirchen-Lindern eine stündliche MultiBus-Verbindung nach Linnich bis an die Rurtalbahn (RTB) in Richtung Düren und Heimbach (Eifel) angeboten, die auf die Fahrplanzeiten der Züge abgestimmt ist.

Seit Anfang 2009 wird der MultiBus samstags, sonn- und feiertags im gesamten Kreis Heinsberg eingesetzt. Die Einsatzzeiten wurden entsprechend der Erfahrungen aus dem Bedienungsgebiet Gangelt, Waldfeucht, Selfkant festgelegt. Bis zu 13 Fahrzeuge sind inzwischen im Einsatz (je nach Bedarf als Kleinbus mit und ohne Rollstuhllift und Niederflurbus mit elf Sitz- und elf Stehplätzen).

Inzwischen verkehrt der MultiBus im Kerngebiet (Gangelt, Selfkant und Waldfeucht) montags bis freitags an Schultagen von 9 bis 12 Uhr und von 14 bis 22 Uhr, an Ferientagen von 6 bis 22 Uhr, samstags von 6.30 bis 22 Uhr und sonn- und feiertags von 9 bis 22 Uhr. Kreisweit erfolgt die Bedienung werktags zwischen 20 Uhr und 22 Uhr, samstags zwischen 6.30 und 22 Uhr sowie sonn- und feiertags zwischen 9 und 22 Uhr.

Seit Beginn des Regelbetriebs im Jahr 2004 konnten die Fahrgastzahlen, mit Ausnahme eines leichten Rückgangs im Jahr 2006 und 2014, jährlich gesteigert werden. Insbesondere mit der Ausweitung des Fahrtenangebotes im Jahr 2009 stiegen die Fahrgastzahlen sprunghaft an (siehe Diagramm). Pro Fahrt werden im Mittel ca. 1,3 Fahrgäste befördert.

Entwicklung der Fahrgastzahlen im MultiBus

Fahrtwünsche werden von den Fahrgästen spätestens 60 Minuten (ursprünglich 30 Minuten) vor Abfahrt unter der Rufnummer 02431/ 88 66 88 bei einem Call-Center angemeldet. Die Disposition der Fahrzeuge wird ebenfalls durch dieses von der West Energie und Verkehr beauftragte Call-Center durchgeführt. Die Fahrtrouten der Busse werden mit Hilfe eines Computer-Programms ermittelt und optimiert. Dem Kunden wird die voraussichtliche Einstiegs- und Ausstiegszeit mitgeteilt. Der MultiBus-Fahrer erhält den berechneten Fahrtenverlauf per Mobilfunk übermittelt.

Im MultiBus gilt der Tarif des Aachener Verkehrsverbundes.

Akteure

Der Projektträger Mobilität und Verkehr, Bauen und Wohnen (PT MVBW) des BMBF bei der TÜV Management Systems GmbH betreute das Forschungsvorhaben „Personennahverkehr für die Region” und damit auch das Projekt MultiBus.

Partner in der Projektgruppe MultiBus waren die HHS Ingenieur GmbH, die WestEnergie und Verkehr GmbH und das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie GmbH.

Die WestEnergie und Verkehr GmbH führt den Betrieb in Zusammenarbeit mit mehreren privaten Busunternehmen durch und ist verantwortlich für die weiteren Aufgaben, die mit der Betriebsdurchführung verbunden sind (z. B. Disposition, technische Ausstattung der eingesetzten Fahrzeuge). Die Bereitstellung der an Wochenenden und Feiertagen eingesetzten 13 Fahrzeuge geschieht größtenteils durch die privaten Busunternehmen.

Unterstützt wird der MultiBus durch die Politik und Verwaltung des Kreises Heinsberg.

Probleme und Aufgaben

Anfang Herbst 2006 ist ein MultiBus-Fahrzeug versuchsweise mit einem Fahrradträger zur Beförderung von bis zu zwei Fahrrädern ausgestattet worden. Dieser Versuch wurde jedoch nach etwa 1,5 Jahren mangels Nachfrage eingestellt.

Ein Bestandteil des MultiBus-Projektes war die Untersuchung einer Kombination von Personenbeförderung und lokalen Kleinguttransporten. Dazu war für Unternehmen und Haushalte ein Paketsammeldienst geplant. Ein umsetzungsreifes Konzept für den MultiBus-Paketdienst ist während der Projektlaufzeit erarbeitet worden. Die praktische Erprobung des Paketdienstes konnte bislang nicht realisiert werden,  da die WestEnergie und Verkehr GmbH als kommunales Unternehmen privatwirtschaftlichen Dienstleistern gegenüber nicht in Konkurrenz treten darf.

Als Innovationshemmnis haben sich im MultiBus-Projekt die genehmigungsrechtlichen Rahmenbedingungen erwiesen. Für den MultiBus liegt eine Genehmigung nach § 4 PBefG vor, mit der eine haustürnahe Bedienung realisiert werden konnte. Diese an Haltestellen gebundene „Zwischenlösung” soll im weiteren Verlauf durch eine reine Haus-zu-Haus-Bedienung ersetzt werden. Erschwert wird dieses Vorhaben durch die an das Personenbeförderungsgesetz und an Verwaltungsvorschriften gebundene Genehmigungs- und Förderpraxis. Eine Verkehrsform mit Haus-zu-Haus-Bedienung ist zwar generell genehmigungsfähig, allerdings besteht derzeit nur ein Anspruch auf Ausgleichs- und Fördermittel, wenn eine Genehmigung nach § 42 PBefG vorliegt.

Im MultiBus ist aufgrund politischer Vorgaben bislang kein Komfortzuschlag erhoben worden. Eine Anfang 2005 durchgeführte Haushaltsbefragung hat jedoch ergeben, dass bei der Bevölkerung eine hohe Akzeptanz für einen Zuschlag bei gleichzeitiger Erhöhung der Angebotsqualität besteht. Sofern zukünftig ein Haustür-Haustür-Service eingerichtet werden kann, erscheint die Einführung eines Komfortzuschlags als mögliche Perspektive.

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